
Die Situation:
Kaum eine andere Branche in Deutschland ist von den Themen Personalnot und schwachen Rahmenbedingungen mehr betroffen als die Pflegebranche – und zeitgleich sind kaum andere Berufe in Zeiten der Corona-Krise so wichtig, wie die des Gesundheits- und Pflegesektors.
Mit sechs Krankenhausbetten auf 1.000 Einwohner verfügt Deutschland über die dritthöchste Bettendichte weltweit; auch der Intensivbereich in Deutschland kann eine hohe Bettendichte vorweisen und im internationalen Vergleich ist Deutschland mit Beatmungsgeräten überdurchschnittlich gut ausgestattet. Die deutsche Krankenhausinfrastruktur ist gut – die Personalausstattung nur mittelmäßig.
Welche Wandlungen dieser Branche gibt es und wie ist die Zukunft zu betrachten?
Die Inhouse Market-Researchabteilung der HANSE Gruppe hat dies – passend zum diesjährigen Tag der Pflege (12.05.2020) – untersucht und kam zu folgenden Ergebnissen:
Mit der Personal-Unterbesetzung hatte die Branche bereits vor Beginn der Corona-Krise zu kämpfen. Zehntausende Stellen in Deutschland sind unbesetzt. Seit Jahren gilt der vorherrschende Fachkräftemangel als zentrale Herausforderung im Markt. Prognosen zufolge werden bis 2035 500.000 Pflegefachfachkräfte fehlen und damit erhebliche Versorgungslücken entstehen. Die Gründe sind allseits bekannt: fehlende (monetäre) Wertschätzung der Arbeit, unflexible Arbeitsmodelle und unzulängliche Aussichten hinsichtlich der Karriereentwicklung. Hohe Belastung für geringe Entlohnung. Der Pflegeberuf gilt gerade unter jungen Leuten als unattraktiv.

Und was wird unternommen?
Um dem Mangel entgegenzuwirken, werden bereits ungelernte Pflegekräfte eingesetzt – und auch die Rekrutierung von Personal aus Osteuropa, insbesondere Polen, soll dem entgegenwirken. Verdeutlicht wird dies durch einen Zuwandereranteil der Beschäftigten von 12 % in Alten- und Pflegeheimen und 7 % ausländischer Pflegekräfte in der Krankenpflege.
In Zeiten von Corona ist die Personalgewinnung aus dem Ausland jedoch maßgeblich beschränkt, was den Fachkräftemangel in Deutschland noch verschärft – kurzum: Personalnot trotz Systemrelevanz der Pflegebranche.
Her müssen folglich schnelle und vor allem nachhaltige Post-Corona-Arbeitsbedingungen zur Verbesserung des Sektor-Images und zur Bewältigung des Personalmangels geschaffen werden.
Als ein Baustein zur Erhöhung der Attraktivität der Pflegeberufe gilt die Lohngestaltung. So hat sich die Pflegekommission auf höhere Mindestlöhne für die Beschäftigten in der Altenpflege geeinigt. Durch eingeführte Gesetzesvorgaben und Initiativen werden die Löhne für Pflegekräfte steigen. Die Bundesregierung beschloss zuletzt eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns bis 2022 für qualifizierte Pflegehilfskräfte auf einheitliche 13,20 EUR und erstmals auch ab Juli 2021 die Einführung eines Mindestlohns für ausgebildete Pflegefachkräfte von 15 EUR. Bis 2022 soll dieser dann auf 15,40 Euro angehoben werden.
Und auch hinsichtlich der Förderung von Kompetenzen und Karrierewegen hat sich etwas getan:
Im Januar 2020 startete eine neue generalistische Ausbildung für Pflegefachkräfte. Die bisherigen Berufsausbildungen der Altenpflege und die der Gesundheits- und Krankenpflege wurden zusammengeführt und bilden nun den Ausbildungsberuf „Pflegefachmann/-frau“, welcher auch in anderen Mitgliedsstaaten der EU anerkannt wird. Ziel dieses neuen Ausbildungsganges ist die Versorgung von Pflegebedürftigen aller Altersklassen in allen Pflegebereichen, denn nach dem Abschluss der generalistischen Ausbildung ist ein Wechsel innerhalb der pflegerischen Versorgungsbereiche jederzeit möglich. Eingeschlossen sind hierbei Krankenhäuser, Pflegeheime und die ambulante Pflege in der Wohnung.
Zudem ermöglichen zahlreiche Fort- und Weiterbildungen sowie verschiedene Pflegestudiengänge, die zum Teil auch ohne Abitur absolviert werden können, die weitere Karriereentwicklung.
Die Schlussfolgerung:
Zwar befindet sich die Alten- und Krankenpflege im Wandel und die ersten Schritte sind getan; jedoch ist eine unverzügliche, grundlegende und nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen notwendig, denn in Deutschland wurde eine starke Zunahme an Pflegeheimen und -plätzen vorausgesagt. So soll Prognosen zufolge die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen 2020 und 2050 um 145 % steigen – und auch für sich plötzlich rasant ausbreitende Herausforderungen, wie COVID-19, muss der Pflegemarkt personell besser aufgestellt sein. Denn spätestens eine Krise wie die des Coronavirus führt vor Augen, dass eine Unterbesetzung in solch einem unverzichtbaren Markt fatale Folgen haben kann. Der Handlungsbedarf zur Kompensation der Personalnot in der Pflegebranche besteht in optimierten, wertschätzenden Konzepten, die attraktive Entlohnungsmodelle, innovative und flexible Arbeits(-zeit)modelle und Weiterbildungsmöglichkeiten inkludieren.
Wie sieht Ihrer Meinung nach ein wertschätzendes Modell aus?
Diskutieren Sie gern mit uns!
Wann lesen wir uns wieder?
Freuen Sie sich auf unseren nächsten Blogbeitrag mit einem weiteren aktuellen Thema – schauen Sie am
Donnerstag, den 28.05.2020
wieder vorbei! Wir freuen uns!
Ihr HANSE Interim-Team
Andreas Lau und Christian Heuermann
Geschäftsführung
Quellen: HMC Researchabteilung, Bundesagentur für Arbeit, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), PwC, Statistisches Bundesamt
„Der Handlungsbedarf …besteht in optimierten, wertschätzenden Konzepten, die attraktive Entlohnungsmodelle, innovative und flexible Arbeits(-zeit)modelle und Weiterbildungsmöglichkeiten inkludieren.“
Das gilt für alle Branchen, ob mit mehr oder weniger Personalnot, seit Jahren bereits. Und die Branchen konkurrieren um dieselben Ressourcen. Solange andere Jobprofile interessanter sind für junge Leute, wird sich am Pflegenotstand nichts ändern. Fraglich ist, ob die Pflegebranche über genug Mittel verfügt, um sich attraktiver zu machen, denn keines der vorgeschlagenen Konzepte ist kostenlos.
Beste Grüße
Ich habe in meinem Bekanntenkreis und selbst Familie eine Reihe von (6) ausgebildeten Pflegekräften, die alle in den letzten Jahren aus der Pflege gekündigt haben und sich anderen Berufen zugewandt haben. Die Gründe waren immer die gleichen: miserable Arbeitsbedingungen und zu wenig Entlohnung. Man sollte hierzu einmal eine Statistik erstellen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ergebnisse erschreckend sind. Es gibt langfristig m.E. nur eine Lösung: höhere Löhne und einen verbindlichen Pflegesatz (x Pflege kräfte pro 100 Patienten)
Es wird hier die Frage nach dem Generationenvertrag und die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit aufgeworfen.
Der Bedarf an Pflegekräften wird Angesicht der demographischen Entwicklung ohnehin steigen und damit die Kosten, die das Land zu bewältigen hat.
Es ist die Frage ob die sich dann in Brot und Arbeit befindlichen Menschen, die die geburtenstarken Jahrgänge finanzieren sollen wenn dies in Pflege sind, dazu auch bereit sind bzw. dies leisten können.
Alternativ würde in dieser Zeit eine Anleihe auf die Zukunft durchgeführt werden. Auch hier bliebe die Frage, ob die dann arbeitende Generation die Bereitschaft dazu hätte oder eher argumentieren würde, dass es jetzt und heute notwendig gewesen wäre entsprechende Rücklagen zu schaffen.
Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Krise und die damit rasant steigende Staatsverschuldung kontraproduktiv.
Die nunmehr aufgeworfene Frage nach der Entlohnung – aus meiner Sicht berechtigt – verschärft die Thematik um einen weiteren Punkt.
Vielen Dank für die ausführliche Darstellung der Situation, die sich mit meinen langjährigen Erfahrungen im Healthcare Markt deckt. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und verschärft existierende Probleme und Engpässe in allen Bereichen und Branchen. Doch ebenso klar tritt zu Tage, welchen Stellenwert die pflegerischen und medizinischen Berufe und die Menschen dahinter haben „müssten“. Die Aufwertung der Leistung dieser Berufsgruppen in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung war noch nie so hoch, und es gibt die große Chance, die entstandenen Defizite zu beseitigen.