Der Jahresbeginn ist oft ein Moment der Zuspitzung. Erwartungen treffen auf Realität, Pläne auf Unsicherheit, Vorsätze auf Rahmenbedingungen, die sich nicht einfach ausblenden lassen.
Auch dieses Jahr startet nicht leicht. Wirtschaftliche Belastungen, politische Brüche und eine spürbare Erschöpfung prägen viele Gespräche. Das zu ignorieren wäre falsch.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Realität umgehen. Ob wir uns von ihr bestimmen lassen oder ob wir bewusst Haltung einnehmen. Nicht laut, nicht optimistisch um jeden Preis, sondern klar, verantwortungsvoll und handlungsfähig.
Zuversicht ist dabei kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung.
Die Lage ernst nehmen
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Das muss man nicht relativieren. Hohe Unsicherheit, zurückhaltende Investitionen, politische Brüche und eine zunehmende Komplexität im Alltag vieler Organisationen sind spürbar.
Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, daraus eine reine Erzählung der Ohnmacht zu machen. Denn genau hier beginnt die eigentliche Führungsfrage dieser Zeit.
Zuversicht heißt nicht, dass alles gut wird.
Zuversicht heißt, sich nicht im Wartestand einzurichten.
Wenn Handlungsspielräume aus dem Blick geraten
In vielen Gesprächen zeigt sich derzeit weniger ein Mangel an Problembewusstsein als ein Zuviel davon. Die Themen sind bekannt. Die Risiken benannt. Die Zahlen analysiert.
Entscheidend ist eine andere Frage:
Nicht, ob Unternehmen grundsätzlich handlungsfähig sind, sondern wie gut sie ihren Handlungsspielraum im Moment überhaupt erkennen können.
Wenn Unsicherheit zum Dauerzustand wird, verengt sich der Blick. Themen überlagern sich, Prioritäten verschwimmen, Entscheidungen fühlen sich schwerer an, als sie es sachlich vielleicht sind. Handlungsfähigkeit geht dann nicht verloren. Sie wird schlicht schwieriger wahrnehmbar.
Das zeigt sich oft ganz konkret:
- Entscheidungen werden vertagt, weil der richtige Zeitpunkt unklar bleibt
- Projekte starten, ohne wirklich durchgezogen zu werden
- Verantwortung wird geteilt, bis sie niemand mehr klar trägt
- Veränderung wird diskutiert, aber nicht konsequent gestaltet
Diese Form der Lähmung entsteht nicht aus Bequemlichkeit. Sie ist das Resultat von Dauerbelastung.
Perspektive aus der Praxis
In anspruchsvollen Situationen zeigt sich immer wieder ein ähnliches Bild. Dort, wo Klarheit entsteht, kommt Bewegung in die Organisation. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden, kehrt Energie zurück. Und dort, wo Verantwortung eindeutig verteilt ist, wächst Zuversicht.
Gerade im Interim Management wird diese Haltung besonders sichtbar. Interim Manager arbeiten in Situationen, in denen Unsicherheit nicht die Ausnahme, sondern der Ausgangspunkt ist. Sie kommen ohne lange Anlaufzeit, ohne Schonfrist und oft ohne vollständige Informationslage.
Zuversicht entsteht hier nicht aus Gewissheit, sondern aus der Fähigkeit, Struktur zu schaffen, Prioritäten zu setzen und Verantwortung zu übernehmen, auch wenn noch nicht alles geklärt ist.
Was dabei auffällt:
Sobald Klarheit entsteht, entsteht Bewegung.
Sobald Entscheidungen getroffen werden, kommt Energie zurück.
Sobald Verantwortung eindeutig verteilt ist, wächst Zuversicht.
Nicht als lautes Signal. Sondern als stabile innere Haltung: Wir können hier gestalten.
Diese Zuversicht speist sich nicht aus Optimismus, sondern aus Struktur, Priorisierung und dem Mut, Dinge klar zu benennen.
Was Zuversicht nicht ist
Zuversicht ist
- kein Schönreden
- kein Durchhalten um jeden Preis
- kein Ersatz für Analyse
Analyse ohne Zuversicht führt in den Stillstand.
Zuversicht ohne Analyse ist naiv.
Wirksam wird erst die Verbindung beider Perspektiven.
Drei pragmatische Überlegungen
1. Handlungsspielräume sichtbar machen
Nicht alles ist beeinflussbar. Aber vieles ist es. Führung beginnt damit, diese Räume klar zu benennen und nicht kleiner zu machen, als sie sind.
Beispiel:
Ein Unternehmen kann die gesamtwirtschaftliche Lage nicht ändern. Sehr wohl aber kann es entscheiden, welche Produkte Priorität haben, welche Kunden aktiv entwickelt werden und wo Komplexität bewusst reduziert wird. Allein diese Klarheit verschiebt den Fokus von Ohnmacht zu Gestaltung.
2. Entscheidungen entlasten
Nicht jede Entscheidung muss perfekt sein. Aber sie muss getroffen werden. Klare Entscheidungsräume schaffen Orientierung und Tempo.
Beispiel:
Statt monatelang an einem umfassenden Zukunftskonzept zu arbeiten, entscheidet sich ein Führungsteam für drei konkrete Maßnahmen mit klarer Verantwortlichkeit und überprüfbaren Effekten nach 90 Tagen. Das senkt den Druck und erhöht die Umsetzungswahrscheinlichkeit.
3. Führung als Haltung begreifen
Gerade in unsicheren Zeiten braucht es Führung, die Orientierung gibt, ohne falsche Sicherheit zu versprechen. Klar, ehrlich, verbindlich.
Beispiel:
Eine Geschäftsführung kommuniziert offen, was bekannt ist und was noch nicht. Sie benennt Risiken, trifft aber gleichzeitig klare Entscheidungen für die nächsten Schritte. Das schafft Vertrauen, auch ohne endgültige Antworten.
Schlussgedanke
Zuversicht ist kein Selbstzweck. Sie entsteht dort, wo Klarheit, Verantwortung und Gestaltungswille zusammenkommen.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied in diesem Jahr: Nicht wer die besseren Prognosen hat, sondern wer bereit ist, trotz aller Unsicherheiten Verantwortung zu übernehmen und ins Handeln zu kommen, macht den Unterschied.
Mit besten Grüßen
Andreas Lau und Özlem Parakenings
für HANSE Interim





