Die Welt am Sonntag berichtet: „Feuerwehr für die Chefetage“

Feuerwehr für die Chefetage: Wenn Unternehmen sich neu orientieren müssen oder in einer Krise nach Lösungen suchen, werden Interim Manager gebucht. In Hamburg gibt es mehrere Agenturen, die die Top­Kräfte vermitteln

Christian Scheel ist ein Unternehmer, der im Gespräch von so einigen Höhen eines Berufslebens erzählen kann und der daraus den Schluss gezogen hat, auf Krisen möglichst frühzeitig zu reagieren. Als jedenfalls Mitte März Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Grenzen und Geschäfte die Wirtschaft in die Krise stürzten, heuerte der Chef der Ing. Grimm Schweißtechnik in Hamburg-Wilhelmsburg kurzerhand zwei Helfer an: Frank-Ulrich Leitloff, einen Fachmann für Produktion, Logistik und Qualitätsmanagement, und Robert Lebherz, Experte für Unternehmensführung, Restrukturierungund schlanke Produktionsstrukturen.

Die beiden erfahrenen Führungskräfte halfen Scheel, in der Corona-Zeit Kunden und Lieferanten bei der Stange zu halten, die Mitarbeiter zu motivieren, Kredite zu bekommen und finanziell flüssig zu bleiben. “Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, die vielen, gleichzeitig auftretenden Probleme zu lösen”, gibt Scheel unumwunden zu. Lange aber wird er Leitloff und Lebherz nicht mehr beschäftigen, denn die beiden sind “Interim Manager”. Diese Führungskräfte auf Zeit bleiben meistens nur vier, sechs oder zehn Monate in einem Unternehmen, bevor sie wieder gehen, um woanders zum nächsten Job anzutreten.

Bundesweit arbeiten rund 13.000 freiberufliche Führungskräfte als berufliche Nomaden. Laut dem Arbeitskreis Interim Management Provider (AIMP) verdient ein solcher Manager auf Zeit im Schnitt 1100 Euro am Tag und ist 154 Tage im Jahr im Einsatz. Im AIMP sind die wichtigsten Vermittlungsfirmen der Branche organisiert. Größter und als einziger im gesamten deutschsprachigen Raum vertretender Provider ist die Hamburger Firma Management Angels. In der Kartei der vor 20 Jahren gegründeten Gesellschaft mit heute 30 Mitarbeitern, die seither rund 2000 Interim-Mandatedurchgeführt hat, stehen aktuell gut 7000 Führungskräfte auf Abruf. Gesucht wurden in den vergangenen drei Monaten vor allem Supply Chain-Experten und solche für Einkaufs- und Finanzierungsprojekte. Auch Hanse Interim Management oder MTC Personalberatung gehören zu den großen Anbietern in Hamburg.

Die meisten Anfragen kommen von Medizintechnik, Energie- und Dienstleistungsfirmen und Unternehmen, die schnelllebige Konsumgüter anbieten. “Viele Unternehmen haben die Corona-Zeit genutzt, um ihre IT auf Vordermann zu bringen”, sagt Kai Reddig, Senior Consultant bei Management Angels. Er erwartet in den kommenden Monaten eine Konsolidierungswelle: “Wenn die Corona-Förderhilfen auslaufen, wird für viele Unternehmen der letzte Strohhalm wegfallen. Die werden Interim Manager brauchen als Krisenhelfer für Restrukturierungsprojekte.”

Management Angels Consultant Reddig hat auch Leitloff, Lebherz und Scheel zusammengebracht. “Unsere Arbeit beginnt mit der Analyse und Definition der Probleme des Unternehmens und möglicher Lösungen, dann entwickeln wir ein Managerprofil und stellen dem Auftraggeber die zwei oder drei am besten geeignetsten Führungskräfte vor”, erläutert der Berater. Ähnlich arbeiten auch andere Vermittlungsfirmen. Unternehmen, die erstmals einen Interim Manager beschäftigen wollen, sollten unbedingt auch auf die “Chemie” achten. Passt der Externe zu Team und Firmenphilosophie? Hat er das notwendige Fingerspitzengefühl?

Das braucht ein Interim Manager auch, wenn er für eine begrenzte Zeit eine Personallücke füllt. Jan Peter Firnges macht das gerade bei der Lebensmittelmarke Sol Puro in Bahrenfeld. Seit Mai sitzt der freiberufliche Betriebswirt auf dem Stuhl der Geschäftsführerin, die ein Kind erwartet. Ende des Jahres wird sie zurückkommen. Firnges, der nach 25 Jahren Festanstellung bei Konzernen seit 2016 als Übergangs-Manager arbeitet, möchte den Acht­ Mitarbeiter-Betrieb, der Avocado-Dips importiert und vertreibt, “sicher und stabil durch diese Monate führen”.

Die Ing. Grimm Schweißtechnik mit ihren 21 Mitarbeitern ist bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Während sich Firmenchef Scheel weiter um das tägliche Business mit seinen rund 5000 Kunden kümmerte, nahmen die Interim Manager die fünf Geschäftsfelder des Betriebs unter die Lupe. Dabei identifizierten sie den Maschinenbau als zwar umsatzstarken, aber wenig ertragreichen Bereich, und den Ersatzteilverkauf und Service als profitabelstes Unternehmensbein. “Diese Cashcow zu stärken, hat oberste Priorität”, erläutert Leitloff, der seit neun Jahren als “lnterimer” arbeitet. Dafür werden beim Mittelständler am König-Georg-Stieg jetzt zwei Maßnahmen durchgeführt: Die Beendigung der Kurzarbeit und eine Personalaufstockung im Ersatzteilverkauf und Service. Firmenchef Scheel sagt, man “sehe die Krise als Chance zur Veränderung.” Ähnliches registriert Leitloff auch in anderen Firmen: “Corona wirkt wie ein Brennglas, unter dem auch kleinste betriebliche Schwächen sichtbar werden. Wenn Unternehmen jetzt hinschauen und Veränderungen vornehmen, werdensie die Krise gestärkt hinter sich lassen.”

Auch das Hamburger Pharmaunternehmen ALK-Abelló hat ein Projekt mit einem Interim Manager umgesetzt. Nachdem der digitale Umbau des Kundendienstes ins Stocken geraten war, holte Geschäftsführerin Flora Beiche­Scholz den Customer-Service-Profi Oliver Kantner an Bord. Der setzte innerhalb von 18 Monaten die Strategie um, optimierte die Warensteuerung, stellte die Kundenversorgung mit den Hauptprodukten auf den Großhandel um, schaffte Faxgeräte ab und stellte stattdessen eine elektronische Schnittstelle zum B2B-Webshop her. Lieferzeiten wurden verkürzt, Fehler reduziert.

Schließlich arbeitete Kantner einen jungen Führungsnachwuchs als seinen Nachfolger ein. “Und ich konnte mich dem nächsten Job widmen.” Flora Beiche-Scholz lobt Kantner als “fachlich versiert, routiniert und krisenerprobt”. Schweißtechnik-Unternehmer Scheel hebt “den neutralen Blick” hervor, den seine zwei Führungskräfte auf Zeit haben. Und deren Erfahrungen aus vielen, oft sehr unterschiedlichen Projekten: “Das kommt mir zugute, davon profitiere ich sehr.” Den Know-how-Transfer von erfahrenen Wirtschaftskapitänen als zusätzlichen Vorteil stellt auch Reddig heraus: “Wenn der Interim Manager wieder geht, bleibt viel Wissen von ihm im Betrieb zurück.”